Gestalten statt verwalten

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Schweiz-Ausgabe 1-2019 des Magazins “DIE STIFTUNG”.

Vor allem kleinere Förderstiftungen stecken ihre Mittel oft am liebsten zu 100 Prozent in die Projekte. Obgleich diese Überlegung nachvollziehbar ist, lohnt es sich doch weitaus mehr zu analysieren, wo genau der Bedarf liegt und was die Stiftung zur Lösung des Problems beitragen kann. Die Vorteile einer wirkungsorientierten Förderung.

Von Regula Wolf

Lange Zeit herrschte in der Schweiz mehrheitlich Einigkeit darüber, dass Förderorganisationen ihre Mittel bestmöglich über die Prüfung unaufgeforderter Gesuche vergeben können. Praktisch alle Schweizer Förder- und Non-Profit-Organisationen (NPO) haben sich in diesem System eingerichtet. Da sich die Mehrheit der Förderorganisationen scheut, Beiträge an die Betriebskosten auszurichten und Wert darauf legt, dass auch andere Organisationen mitfinanzieren, müssen die NPO für jedes einzelne Projekt jeweils mehrere Gesuche stellen. Dabei kommen in einem Jahr so einige Gesuche zusammen. Entsprechend repräsentativ ist das Beispiel einer umsetzenden NPO, welche jährlich 100 Gesuche stellt und dabei pro Gesuch ein bis zwei Tage investiert. In Zahlen ausgedrückt heisst das, dass sie nebst ihrer operativen Kerntätigkeit von ihren insgesamt 350 Stellenprozenten ungefähr 60 Stellenprozente für Gesuche, Zwischen- und Schlussberichte aufwenden muss.

Auch auf der anderen Seite ist der Aufwand beachtlich. Bezeichnend hierfür ist das Beispiel einer Geschäftsführerin, die den grössten Teil ihrer Zeit mit der Prüfung und Aufbereitung von Gesuchen verbringt, wovon der Stiftungsrat dann nur jedes fünfte unterstützt. Rechnet man mit vier Stunden pro Gesuchsprüfung und geht von 100 Gesuchen pro Jahr aus, so verbringt die Geschäftsführerin jährlich rund zwei Monate nur mit der Prüfung von Gesuchen, welche die Stiftung dann doch nicht unterstützt.

Viel zu hoher Aufwand auf beiden Seiten

Oft kann trotz grossem Aufwand nicht mit Sicherheit bestimmt werden, ob tatsächlich die guten Projekte herausgefischt wurden. Hierzu ein Beispiel einer Förderstiftung, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. Da ihre Förderkriterien offen formuliert sind, erhält sie Gesuche aus allen Bereichen - über Gesundheit, Bildung, Umwelt - und aus allen fünf Kontinenten. Der Geschäftsführer und seine neun Stiftungsräte müssen sich bei praktisch jedem Gesuch auf ein neues Thema, ein neues Land und einen neuen Förderpartner einlassen. In der Absicht, die Fördermittel nachhaltig einzusetzen, prüfen sie jedes einzelne Gesuch auf Herz und Nieren. Das ist enorm zeitaufwändig - und trotzdem praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Denn theoretisch müssten sie bei jedem Gesuch eine seriöse Themen- und Umfeldanalyse vornehmen um einzuschätzen, ob das Projekt das richtige Ziel mit den richtigen Mitteln und den nötigen Ressourcen verfolgt. Ohne eine solche Analyse ist es zum Beispiel sehr schwierig zu erkennen, ob eine Privatschule in Indien wirklich noch nötig ist oder eben nicht. Dass mit guten Absichten auch Schaden angerichtet werden kann, wurde in den letzten Jahren vor allem im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit eingehend diskutiert. Umso erfreulicher ist, dass sich die allermeisten umsetzenden NPO erfolgreich der Professionalisierung stellen und eine eindrückliche Arbeit leisten. Viele haben dabei in den letzten zehn Jahren auf die Methode der Wirkungsorientierung umgestellt.

Diese relativ neue Methode braucht auf Dauer betrachtet nicht nur weniger Zeit, sondern ist auch zielführender als die sogenannte passive Förderung, also der Erhalt und die Prüfung unaufgeforderter Gesuche.

Aktive Förderinstrumente

Wie genau funktioniert der wirkungsorientierte Förderansatz? Hier wird das Pferd quasi von hinten aufgezäumt: Man betrachtet die eigene Förderung aus dem Blickwinkel der beabsichtigen Wirkung (welche auf der Grundlage einer soliden Bedarfsanalyse definiert wurde) und entwickelt passende Fördermassnahmen. Da Wirkung dabei auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden kann, wird die „passive“ Gesuchsprüfung – die nach wie vor auch ihre Berechtigung hat – ergänzt durch eine Vielzahl an „aktiven“ Förderinstrumenten, zum Beispiel: strategische Kooperationen, Vergabe von Forschungsaufträgen, Ausschreibung von Wettbewerben, Mission investment, Netzwerkbildung, Kompetenzentwicklung, Beratung oder auch Mobilisierung (Advocacy), beispielsweise durch die Finanzierung von Think Thanks oder Umfragen.

Strategischer Stiftungsrat

In der Folge der Orientierung auf die beabsichtigte Wirkung verschiebt sich – was die Förderung anbelangt – die Hauptaufgabe des Stiftungsrats: Sie liegt nicht mehr mehrheitlich in der Gesuchsprüfung, sondern verlagert sich nach vorne, in die strategische Setzung von Förderschwerpunkten und Wirkungszielen. Indem die Stiftung auf Schwerpunkte fokussiert, wird sie mittelfristig selber zu einer Expertin, kennt die zentralen Akteure, die politische Situation und den Bedarf. Dadurch benötigt sie deutlich weniger Zeit als bei der „passiven“ Gesuchsprüfung, um die wirklich guten und zur Stiftung passenden Projekte und Förderpartner ausfindig zu machen. Sie kann dank der Konzentration ihrer Mittel mehr Schubkraft im ausgewählten Themenfeld entwickeln und so ihren Zweck, einen wirksamen Beitrag an das Gemeinwohl zu leisten, bestmöglich erfüllen. Denn: eine gute Förderung ist mehr als die Summe ihrer Förderbeiträge.

Wer sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzen möchte, kann unter www.phineo.org beim Beratungs- und Analysehaus Phineo die beiden kostenlosen Publikationen “Kursbuch Wirkung. Edition Schweiz“ und “Kursbuch Stiftungen“ gratis herunterladen oder bestellen.

Seit Kurzem bietet das Schweizer Center for Philanthropy Studies (CEPS) ausserdem einen Lehrgang in Wirkungsmanagement für NPO an. Dieser richtet sich auch an Förderstiftungen. Weitere Informationen unter: www.ceps.unibas.ch/de/weiterbildung/cas-wirkungsmanagement-in-npo